Wenn der Partner hochsensibel ist … PDF Drucken
Geschrieben von: Angelika Kastner   

 

Axel* kommt müde von der Arbeit nach Hause. Es ist später geworden. Er musste Überstunden machen. Während seine Kollegen noch Zeit und Kraft haben, am Abend etwas zu unternehmen, möchte Axel nur noch seine Ruhe haben und zieht sich zurück. Um sich mit Freunden in geselliger Runde zu treffen, ist er zu erschöpft. Auch mit seinem Sohn zu spielen, ist ihm zu anstrengend. Mit seiner Frau Iris* über die Erlebnisse des Tages zu sprechen, fällt ihm schwer. Etwas enttäuscht trifft sie sich allein mit Freunden.

 

Axel benötigt ZeitWenn der Partner hochsensitiv ist …, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten, die auf ihn eingestürmt sind. So geht er früh schlafen, um für die Arbeit am nächsten Tag erholt zu sein. Doch der Schlaf will sich nicht einstellen. Seine Gedanken kreisen um Probleme. „Habe ich alles richtig ausgeführt?“ „War ich schnell genug?“ „Ist mein Chef mit mir zufrieden gewesen?“ Seine Verabschiedung klang etwas weniger herzlich als sonst. „Warum reagierte mein sonst so freundlicher Kollege heute so genervt und gereizt?“ Es dauert lange, bis er ein wenig schlafen kann und das Gedankenkarussell zur Ruhe kommt.
Lange Jahre wusste Axel nicht, warum er nicht so belastbar ist wie andere, warum bei ihm das „Fass schnell voll ist und überläuft“, warum ihm selbst Familientreffen oder Restaurantbesuche manchmal zu viel werden und er dann nur noch ganz schnell nach Hause will. Eine Belastungsprobe für die ganze Familie.


„Ich bin hochsensibel“


Eines Tages las er in einer Zeitung etwas über das Thema „Hochsensibilität“ und wurde neugierig. Er machte einen Test und fand für sich heraus: „Ich bin hochsensibel“. Im Nachhinein kann er nun viele Situationen seines Lebens besser einordnen, sich seine Reaktionen erklären, verstehen und annehmen.
Axel gehört zu den etwa 15 bis 20 Prozent hochsensiblen Personen (HSP) der Bevölkerung, die anders fühlen und ihre Umgebung anders wahrnehmen als die anderen. Oftmals wissen diese Menschen selbst nichts davon. Sie merken nur, dass sie anders sind, fühlen sich daher oft unverstanden und werden häufig zum Einzelgänger und Außenseiter. Auch in der Berufs- und Arbeitswelt tun sie sich oft schwer.

 

Begriffsdefinitionen


Den Begriff „Highly Sensitive Person“ (HSP) prägte aufgrund ihrer Untersuchungen 1997 die amerikanische Psychologin Dr. Elaine Aron. Im deutschen Sprachraum finden sich verschiedene Übersetzungen und Begriffe wie „Hochsensitivität", „Hochsensibilität“, „Hypersensibilität“, „Feinfühligkeit“, „Reizoffenheit“, „Hellfühligkeit“ und auch von „zart besaitet“ und „empfindsam“ wird gesprochen. Die Autorin und Sozialpsychologin Birgit Trappmann-Korr weist darauf hin, dass in der Literatur beide Begriffe „Hochsensitivität“ und „Hochsensibilität“ oft identisch verwendet werden. Verbreitet sei der Begriff „Hochsensibilität“, der auch in diesem Artikel verwendet wird. Der Begriff „Hochsensitivität“ werde in der Wissenschaft verwendet, so die Expertin. Partnerschaften mit HSP können zuweilen herausfordernd sein, vor allem, wenn das Phänomen nicht bekannt sei.

 

Warum ist das so?


Wenn der Partner hochsensitiv ist …Hochsensible Menschen haben meist ein hohes Harmoniebedürfnis. Sie nehmen äußere Reize ihrer Umwelt, die gleichzeitig auf sie eindringen, wie durch einen Verstärker viel intensiver und detaillierter wahr: Stimmungen oder auch Spannungen in einer geselligen Runde, Lärm, laute Musik, Straßenverkehr, grelles Licht, Stoffe auf der Haut … Ihr Nervensystem ist schnell überreizt, da es laut Dr. Elaine Aron, genetisch bedingt, Feinheiten besser wahrnimmt. Mit dieser Reizflut umzugehen und Reize auszufiltern, fällt ihnen im Gegensatz zu anderen Menschen sehr schwer. Sowohl Positives – ein freundliches Wort oder eine Geste – als auch Negatives – Kritik oder Ablehnung – erleben sie wesentlich intensiver und brauchen länger, diese Eindrücke und Empfindungen für sich zu verarbeiten. Sie benötigen daher sehr viel Ruhe, wirken abwesend, sind mit ihren Gedanken während eines Gesprächs mit dem Partner bei einer Äußerung oder Gedanken, die dieser oft nebenbei gemacht hat, oder ziehen sich ganz zurück. Die Energielevel der Partner sind unterschiedlich. Daher sollte der nicht hochsensible Partner, der meist über mehr Energie verfügt, verständnisvoll und kompromissbereit mit solchen Situationen umgehen können und gerne auch allein oder mit Freunden etwas unternehmen, erklärt die in Deutschland geborene Brigitte Küster-Schorr, die in Altstätten in der Ostschweiz das Institut für Hochsensibilität (IFHS) gegründet hat.

Die Komfortzone sei bei HSP „schmal“, also der Bereich, in dem sie sich rundum wohlfühlen, die Temperatur stimme, die Gedanken zur Ruhe kommen, alles okay sei.


Das erklärt auch den Rückzug von Axel nach einem langen, stressigen Arbeitstag oder einer Familienfeier: Er benötigt mehr Zeit, um seine inneren Batterien wieder aufzuladen. Das Gehörte und Erlebte hallt länger nach und will verarbeitet werden. Wird ihm diese Zeit nicht gewährt, kann dies im Zustand der Überreizung zur völligen Erschöpfung, zu unschönen Diskussionen, zu Überreaktionen und zu Streit mit dem Partner führen.


Verschiedene Facetten einer Gabe


Hochsensibilität ist nicht nur belastend, sondern vor allem eine Gabe und kann viele verschiedene Facetten haben. Axels Frau Iris fühlte sich von ihrem Mann tief verstanden und ernst genommen. Seine Kreativität, seine Gabe, Geschichten zu erzählen, seine hohe Empathie faszinierte sie. Ebenso, dass er sich in sie hineindenken konnte und erkannte, in welcher Verfassung sie war. Stimmungen innerhalb einer Gruppe konnte er wahrnehmen und erkennen, welche Personen Probleme und Sorgen mit sich herumschleppten. Er hat ein hohes Verantwortungsbewusstsein und steht ihr in schwierigen Situationen bei. Wenn er sich ausreichend entspannen und erholen konnte, war er sehr leistungsfähig und konnte Lasten anderer tragen und sich für sie einsetzen. Er blühte geradezu auf, wenn er etwas tat, was ihn begeisterte und er für sinnvoll hielt.


Was können HSP wie Axel tun, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten?


Birgit Trappmann-Korr rät: „Nehmen Sie sich zum Beispiel jeden Tag Zeit für sich persönlich, machen Sie Spaziergänge an der frischen Luft, nehmen Sie eine längere Auszeit, lernen Sie Entspannungsübungen, fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit, um reflektieren zu können, lernen Sie ‚Nein' zu sagen, gönnen Sie sich ausreichend Schlaf und ein Plätzchen zu Hause, an dem Sie sich wohlfühlen, an dem Sie alle Störfaktoren (Handy, Telefon) ausschalten können. Begeben Sie sich auf das ‚Abenteuer Persönlichkeitsentwicklung‘ und lassen Sie Veränderungen im Leben zu.“ Wichtig sei, zu lernen, sich abzugrenzen und seine Bedürfnisse nach Ruhe und Erholung gegenüber dem nicht hochsensiblen Partner zu äußern. Wenn Hochsensible einen Beruf gefunden haben, der zu ihnen passt, in dem sie aufgehen, sind sie „das blühende Leben“, bemerkt Trappmann-Korr, was auch der Partnerschaft zugutekäme. „Finden Sie Ihren eigenen Rhythmus mit genügend Ruhepausen, dann sind Sie hundert Prozent leistungsfähig", rät Brigitte Küster-Schorr, und gibt zu bedenken: „Versuchen Sie nicht, in einer normalsensiblen Welt einen normalsensiblen Rhythmus zu leben. Das funktioniert auf Dauer nicht."


Was können nicht hochsensible Partner wie Iris tun?


Hilfreich für den nicht hochsensiblen Partner ist, sich über die Art der Hochsensibilität des Partners zu informieren, ihn besser verstehen zu lernen, wie er „tickt“. Ihn so anzunehmen und zu akzeptieren wie er ist und nicht mit Vorwürfen zu reagieren, wenn der Partner ganz plötzlich sich überreizt fühlt und nicht mehr kann. Geben Sie ihm Rückzugsmöglichkeiten, wenn möglich, in einem eigenen Zimmer. Das kann befreiend und entspannend sein. Seinem Bedürfnis nach Ruhe zu entsprechen und nachzugeben, vor allem nach einem anstrengenden Arbeitstag oder nach einer Familienfeier, kann für beide Partner erholsam sein. Aktivität und Entspannung sollten sich die Waage halten. Ebenso Nähe und Distanz. Ihm Ruhe und Stille zu gönnen vor einem Ereignis mit hoher Reizüberflutung kann hilfreich sein oder auch einmal allein oder mit Freunden oder Freundinnen etwas zu unternehmen. Jeder Partner, auch der nicht hochsensible, benötigt seine Tankstellen, um seine Batterien wieder aufladen zu können. Finden Sie jeweils heraus, bei welchen Aktivitäten (wandern, paddeln, lesen, malen, Schach spielen mit dem PC, Treffen mit Freunden …) dies am besten möglich ist.


* Namen geändert und Personen anonymisiert.

 

 

Literaturhinweise:


Hochsensibilität in der LiebeAron, Elaine N.: Hochsensibilität in der Liebe. Wie ihre Empfindsamkeit die Partnerschaft bereichern kann. 424 Seiten, Softcover, fünfte, erweiterte Auflage mvg Verlag. München 2015. Preis: 19.90 € (D).
ISBN: 978-3-386882-557-2. Infos: www.m-vg.de

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Hochsensibel Was tun?Harke, Sylvia: Hochsensibel – Was tun? Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück. Mit grundlegenden Infos und zahlreichen Übungen. 346 Seiten, Softcover, Verlag Via Nova. Petersberg 92016. Preis: 19,95 € (D).
ISBN: 978-3-86616-281-5. Infos: www.verlag-vianova.de

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Hochsensible in der PartnerschaftSchorr, Brigitte: Hochsensible in der Partnerschaft. 224 Seiten, Hardcover, SCM Hänssler Verlag. Holzgerlingen 32019. Preis: 17,99 € (D).
ISBN: 978-3-77515-572-4. Infos: www.scm-haenssler.de

 

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Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normalTrappmann-Korr, Birgit: Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal. Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung. 333 Seiten, Softcover, siebte, erweiterte Auflage, VAK Verlag. Kirchzarten bei Freiburg 2016. Preis: 18,95 € (D).
ISBN: 978-3-86731-060-4. Infos: www.vakverlag.de

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Weitere Infos auf:

 

www.hochsensitiv.net
www.hochsensibel.org
www.hsp-academy.de
www.ifhs.ch
www.trappmann-korr.de
Interview mit Brigitte Schorr
Interview auf Schweizerdeutsch (mit Paar über Hochsensibilität)

 

Veröffentlichungen:

 

 

 

 

 

 

 

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